Gestern war es also soweit - ich sollte gemustert werden. Hier meine Erfahrungen des gestrigen Tages:
12:30 Uhr
Absolut pünktlich betrete ich um halb eins das Gebäude des Kreiswehrersatzamtes. Ein paar Schritte später spreche ich den Pförtner an, der durch eine Glasschreibe von mir getrennt ist und irgendwo in der Gegend umherschaut. Als ich darstelle, was mein Anliegen ist, quatscht er irgendetwas Unverständliches in sein Mikrofon und nimmt seine Ausgangshaltung wieder ein. Mein höfliches Nachfragen ignoriert er vollkommen und starrt mit halb-offenem Mund weiter in die Empfangshalle. Ein wenig lauter "Entschuldigung, ich habe Sie nicht verstanden. Wohin muss ich, bitte?" und er reagiert tatsächlich. Ich solle eine Treppe höher und mich dort anmelden. Na bitte, geht doch.
Ich leiste seinen Worten also Folge und begebe mich ins erste Obergeschoss. Dort warte ich kurz, bis der Empfang wieder besetzt ist und verbringe 5 Minuten bei einem jungen Mann in grauer Militärkleidung, der meine Einladung sehen möchte und anschließend meinen Verdacht bestätigt: Er drückt mir einen Zettel in die Hand. Dieser "Laufzettel" sei für die nächsten "2 bis 3 Stunden" mein "ständiger Begleiter" und ich werde die Etappen, die auf dem Zettel gelistet sind, durchlaufen. Meine nächste Station sei nun der Empfang im zweiten Stock. Schon jetzt nehme ich Gemeinsamkeiten mit Asterix wahr.
Im zweiten Obergeschoss angekommen laufe ich an den zwei Pfeilen, die mir sinngemäß mitteilen, dass ich bloß nicht diese Räume aufsuchen solle, da der Empfang zwei Räume weiter sei, vorbei und gerate an zwei quatschende Damen, die sich auch durch mich nicht von ihren Gesprächen ablenken lassen. Wortlos warte ich auf die Bearbeitung meines schweigend entgegengenommenen Laufzettels und werde nach weiteren 4 Minuten in den gegenüberliegenden Warteraum geschickt.
12:45
Gerade habe ich meine Sachen im Warteraum abgelegt und mich hingesetzt kommt schon ein recht ruhig wirkender Mann herein und ruft mich auf. 8 Minuten verbringe ich nun bei der Personalaufnahme - Fremdsprachenkenntnisse, Führerschein, Personalausweis, Beruf und so weiter. Natürlich werde ich auch gefragt, ob ich denn zur Bundeswehr wolle. Aufgrund meiner verneinenden Antwort druckt er mir einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung aus, den ich unterschreiben solle. Dieser sei verbindlich, falls ich als tauglich eingestuft würde. Dass ich diesen Antrag zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich gar nicht haben möchte interessiert anscheinend nicht. Auf meine Frage, wofür die anderen Daten notwendig seien (z.B. Leistungskursangaben) reagiert er unsicher. Eigentlich seien diese ja hinfällig, da ich eh verweigere, aber wenn man mich schon mal dort hätte, könnten sich ja Umstände ergeben, in denen es wichtig wird, das alles zu wissen. Achso.
Anschließend warte ich wieder im Empfangsraum. Die zweite Frau ist verschwunden, dafür sitzt ein Kerl hinter'm Tresen, der mir nach einigen Computerabfragen einen Schlüssel in die Hand drückt. Nun gehe es zum Labor und zum ärztlichen Dienst.
13:02 Uhr
Ich befinde mich umgezogen im Warteraum. Dieser ist vollständig weiß (mit nur zwei kleinen Edding-Schmierereien). Zu diesem Zeitpunkt befinden sich 5 weitere, gelangweilte Wartenden mit im Raum und hadern mit der verstreichenden Zeit. Irgendwie fällt es auf, dass es keine Uhr in dem Raum gibt und die betreffenden Wartenden in vollständiger Sportkleidung, ohne Uhr oder weitere Besitztümer, herumsitzen. Ich für meinen Teil trage eine gewöhnlich kurze Hose, meine Uhr und auch noch meine Tasche mit mir. Aus dieser hole ich mir also meine Lektüre, die ich für Wartezeiten bei mir habe, und beginne zu lesen. Die weitere Lektüre des Warteraumes ist ziemlich spärlich: Neben dem Finanzteil der "Welt" (den Rest hat anscheinend schon jemand für sich beansprucht) und dem Kicker befinden sich nur noch ein Bundeswehr-Magazin sowie eine AIDS-, zwei Blut-und-Plasmaspenden- und drei Marine-Informationsbroschüren auf dem Tisch. Kein Wunder, dass alle Anwesenden schweigen und sich langweilen. Es ist immer gut, wenn man vorsorgt.
13:20 Uhr
Ich komme ins Labor und zur ersten Ärztin. Diese wiegt mich, misst meine Körpergröße, nimmt mein Attest sowie meine Röntgenbilder entgegen und erwartet noch eine Urinprobe. Gut, dass ich vorher danach gefragt habe, sonst wäre ich wohl in der Zwischenzeit auf die Toilette gegangen. Nachdem dies getan ist, schickt sie mich zurück.
13:24 Uhr
Ich befinde mich wieder im Warteraum. Die selben gelangweilten Menschen sind immer noch da und langweilen sich weiter. Ich greife wieder nach meiner Lektüre und beginne zu lesen.
14:15 Uhr
Mittlerweile ist mir die Lust vergangen, noch mehr Kapitel der Sekundärliteratur durchzuarbeiten, dafür verlässt gerade der letzte (abgesehen von mir natürlich) Junge den Warteraum - und das, obwohl er eine Viertelstunde später als ich kam - merkwürdig. Ob die mit meinem Attest länger brauchen? Oder vielleicht hat es was mit der Urinprobe zu tun? Oder ist der Verwaltungsapparat einfach unfair? :-) Nach kurzer Sonnenphase schneit es jetzt recht stark draußen und wird ziemlich dunkel. Die Langeweile droht nun auch mich zu übermannen.
14:24 Uhr
Ich warte jetzt seit genau einer Stunde. Die Überzeugung wächst stark, dass hier einiges straffer organisiert werden und somit schneller gehen könnte. Oder aber man hätte mich erneut zum Empfang schicken können, um noch irgendein Formular zu beantragen. Das wäre Asterix wirklich gerecht geworden.
14:30 Uhr
Das Warten hat vorerst ein Ende, ich werde zum Arzt gerufen. Der Warteraum ist somit jetzt vollständig leer. Merkwürdig, machen die jetzt etwa bald Feierabend? Wie dem auch sei: Nachdem ich den Gang hinuntergelaufen bin und der Arzt mich fragt, ob ich denn auch der sei, den er aufgerufen habe, geht es los. Zuerst liest er mir eine Liste von Krankheiten vor, bei denen ich angeben soll, ob sie bei mir oder in meiner Familie schon einmal aufgetaucht seien. Relativ zügig arbeitet er sich durch die Krankheiten wie durch eine Einkaufsliste: "Tuberkulose? Asthma? Eppilepsie? ..."
Nach dieser kurzen Besprechung und einem Seh- und Hörtest, den ich wohl mit Bravour bestehe, geht es an die körperliche Untersuchung. Nach kurzen Gesundheitschecks wird mir unter anderem ein instabiles, linkes Kniegelenk diagostiziert, was auf Fehler in den Kreuzbändern hinweise. Nachdem ich noch weitere Erkenntnisse über meine physische Situation erlangt habe, werde ich auch von dieser Station wieder entlassen.
14:45 Uhr
Ich befinde mich wieder im Umkleide- und Warteraum und stelle fest, dass beide immer noch leer sind. Ein paar verschlossene Schränke weisen allerdings darauf hin, dass sich noch einige Leute in den Stationen hier aufhalten. Aber vielleicht sind diese Schränke auch gar nicht von Musterungskandidaten belegt. Mit diesen Gedanken verlasse ich den Umkleideraum.
14:55 Uhr
Nach dem Umziehen und einem Gang zur Toilette kehre ich erneut beim Empfang ein. Schließlich schickt sie mich zwei Räume weiter, in den "Fernsehraum".
15:00 Uhr
Nach weiteren 5 Minuten in diesem Raum werde ich zusammen mit einem weiteren Kandidat von einem jungen Herrn aufgerufen, der mich allerdings in das Büro seiner Kollegin schickt. Diese teilt mir mein Musterungsergebnis mit: T5. Anschließend erklärt sie mir in beruhigendem Tonfall, was dies für mich bedeutet. Als ob ich das noch wissen möchte. Ich werde nun also nicht zum Wehrdienst herangezogen, der Antrag auf Zurückstellung (aufgrund meiner Schulzeit, wird anscheinend standardmäßig gestellt) sei dadurch hinfällig und ich unterliege nicht mehr der Wehrüberwachung. Zusätzlich solle ich diese Bescheinigung gut aufheben, da mein Datensatz bald gelöscht werde. Zum Schluss erklärt sie mir noch, dass mein Kriegsdienstverweigerungsantrag - wir erinnern uns, den wollte ich eigentlich gar nicht haben und er war verbindlich -, den "ich ja gestellt" habe, noch abgeschickt werden müsste. Dieser werde aber vom zuständigen Zivildienstamt sowieso abgelehnt, da ich als nicht wehrdienstfähig eingestuft wurde. Sie fragt mich also, ob ich den Ämtern diese Arbeit ersparen könne und meinen Antrag zurücknehme. Was soll ich denn jetzt noch damit? Natürlich kann der weg. Nachdem sie den Zettel also symbolisch zerissen hat und ich auch keine weiteren Fragen mehr habe, könne ich mich nun also vollkommen meiner "Zukunftsplanung widmen". Gut zu wissen.
15:05
Ich finde mich das letzte mal am Empfang ein. Nach erneuter kurzer Wartezeit schickt mich die Dame zur Zahlstelle, eine Etage höher. Versteckt hinter einer standardmäßig verschlossenen Tür befindet sich dort eine Frau, die mir 4,20 € für meine Anfahrt auszahlt.
Ich mache mich also auf den Heimweg, gerate in ein Schneegestöber und einen größeren Stau auf der Autobahn. Merkwürdig, um halb 4 sollten die meisten Menschen doch arbeiten - irgendwie wirkt alles wie Berufsverkehr.
Fazit
Die langen Wartezeiten und die vielen Stationen dieser Pflichtveranstaltung empfinde ich als Zumutung. Sicherlich ist es möglich, alles etwas straffer zu organisieren und Wartezeiten gering zu halten. Die vielen Gänge zum Empfang empfand ich als ziemlich unsinnig. Außerdem könnten die Aufgaben der vielen verschiedenen Personen, die nur kleine Teilbereiche abdecken, auch umfassender abgearbeitet werden. Aber gut, dies ist halt typisch deutsche Bürokratie, die wohl den Meisten von uns bekannt ist. Was soll man auch von einem völlig aus der Zeit geratenen Verfahren erwarten als veraltete Strukturen drumherum?
Dennoch habe ich ein positives Ergebnis aus dieser Musterung ziehen können. Da der Arzt ein paar Vermutungen geäußert hat werde ich dahingehend demnächst nochmal einen Orthopäden aufsuchen und mich checken lassen. Die Instabilität meines linken Kniegelenkes, die ich bei der Untersuchung auch spüren konnte, beunruhigt mich zwar, aber die jetzige Diagnose ist sicherlich weniger schlimm, als wenn mir demnächst beim Sport das Kniegelenk wegbricht. Mal sehen, wohin das alles noch führt.
Noch zwei kleine Beobachtungen meinerseits zum Abschluss:
1. Beinahe jeder Lichtschalter im Gebäude ist mit einer Nummer versehen.
2. Es existiert ein Umkleideraum 1. Ein weiterer Umkleideraum, der die Nummer rechtfertigte, exisitiert - zumindest auf der betroffenen Etage - nicht.