Als eingefleischter D&D- und Rollenspiel-Fan war ich über die Entdeckung dieses Spiels sehr erfreut, da es beinahe vollständig die neuesten Dungeons & Dragons-Regeln der aktuellen 3.5er-Version umsetzt. Dass in einem Videospiel jedoch einige Dinge modifiziert oder weggelassen werden müssen, wusste ich schon vorher.
Mein Enthusiasmus nach Erwerb des Spiels wurde leider bald getrübt. Glücklicherweise hatte ich mich im Voraus informiert und mir gleich die englische Originalversion zugelegt, aber dazu später mehr.
Originalgetreue Charaktererschaffung
Die Charakter-Erschaffung verläuft im gewohnten D D-Stil. Aufgrund der Vielschichtigkeit des Regelwerkes ist mir an dieser Stelle nur ein oberflächlicher Überblick möglich. Daher können Spieler, die das System kennen, die folgenden Ausführungen getrost überspringen.
Attribute
Sechs Attribute bestimmen die maßgeblichen spielerischen Möglichkeiten des Charakters. Diese werden zu Beginn mit vier Würfeln ausgewürfelt, von denen der schlechteste Wurf abgezogen wird. So können hier Werte zwischen 3 und 18 entstehen.
Stärke
Dieses Attribut spiegelt die körperliche Stärke des Charakters wider. Es bestimmt, wie stark und treffsicher der Charakter im Nahkampf zuschlagen kann sowie die maximale Traglast.
Geschicklichkeit
hat Auswirkungen auf viele Bereiche. Zum einen steht es für die Wendigkeit des Charakters und sorgt somit für eine höhere Rüstungsklasse (wie gut der Charakter von Feinden getroffen werden kann) sowie die Initiative (wie schnell der Charakter am Zug ist). Wie gut ein Charakter mit Fernkampfwaffen umgehen kann wird ebenfalls durch diesen Wert bestimmt.
Konstitution
steht für die körperliche Robustheit. Je höher die Konstitution, desto mehr Schaden kann der Charakter aushalten und desto höher seine Chance, beispielsweise Giften zu widerstehen.
Intelligenz
verkörpert Denk- und Lernfähigkeit. Ein hoher Intelligenzwert ist vor allem für Magier wichtig, da er sich direkt auf die Anzahl seiner Zauber auswirkt. Zudem bestimmt er die Anzahl der Fähigkeitspunkte, die einem Charakter zur Verfügung stehen.
Weisheit
bestimmt die Wahrnehmung der Umwelt, die Intuition und den gesunden Menschenverstand. Wichtig ist dieses Attribut vor allem für Kleriker, Paladine, Waldläufer und Druiden, da es das zauberrelevante Attribut ist; ähnlich wie die Intelligenz für den Magier.
Charisma
ist sowohl die Ausstrahlung als auch die Charakterstärke. Es hat große Auswirkungen auf persönliche Interaktionen mit anderen Charakteren, wie sie sich zu ihm verhalten und wie überzeugend er wirkt. Für Hexenmeister ist es das zauberrelevante Attribut.
Rassen
Im Anschluss werden die Rassen ausgewählt. Diese Wahl hat größtenteils immer Auswirkungen auf Attribute sowie auf einige weitere spielrelevante Aspekte.
Menschen
Die vielseitigste Rasse - keinerlei Attributsveränderungen, dafür ein zusätzliches Talent und einen weiteren Fertigkeitspunkt pro Stufe.
Elfen
Die filigranste und eleganteste Rasse der Spielwelt - +2 Geschicklichkeit, -2 Konstitution.
Halb-Elfen
Die Mischung aus Elfen und Menschen. Keinerlei Attributsveränderungen, dafür einige andere Rassenvorteile der Elfen.
Gnome
Sehr kleine, widerstandsfähige und intelligente Wesen - +2 Konstitution, -2 Stärke
Halblinge
Sehr kleine, geschickte Wesen - +2 Geschicklichkeit, -2 Stärke
Zwerge
Recht kleine, eigenwillige, widerstandsfähige und starke Wesen, die zumeist in ihren Höhlen anzutreffen sind - +2 Konstitution, -2 Charisma
Halb-Orks
Die Mischung von Menschen und Orks. Stark, widerstandsfähig, aber auch hässlich und dumm - +2 Stärke, -2 Intelligenz, -2 Charisma
Klassen
Anschließend wird die Klasse des Charakters bestimmt.
Barbar
Der Barbar ist ein starker Kämpfer, der in der Lage ist, sich in eine Art Blutrausch zu versetzen, in dem er für kurze Zeit sehr stark und widerstandsfähig, jedoch auch leichter angreifbar ist.
Barde
Die Allrounder-Klasse. Der Barde ist ein Geschichtenerzähler und Musiker, der von allem ein bisschen kann. So ist er in der Lage, durch seine Lieder Magie zu wirken, die ein oder andere Truhe zu öffnen und weiß stets über die Begebenheiten der Welt bescheid.
Druide
Ein Druide ist ein Diener der Natur. Er erhält aus ihr die Fähigkeit, Magie wirken zu können, ist stets an den Belangen der Natur und seiner Lebewesen interessiert und besitzt einen guten Draht zu Tieren.
Hexenmeister
Der Hexenmeister ist ein intuitiver Zauberwirker, der Zauber recht häufig am Tag sprechen kann, jedoch über ein relativ kleines Arsenal an Zaubern verfügt. Zudem braucht er länger als ein Magier, um mächtige Zauber zu erlernen.
Kleriker
Der Kleriker ist ein Diener seiner Gottheit und ist in der Lage durch sie Magie zu wirken. Bei guter Gesinnung ist er in der Lage, andere Charaktere mit Abstand am besten zu heilen und ist zudem ein passabler Kämpfer.
Krieger
Der Krieger ist der Inbegriff des kämpfenden Charakters. Er erhält sehr viel mehr Talente als alle anderen Klassen, sodass er seine Kampfmöglichkeiten stark optimieren kann.
Magier
Der Magier ist ein Gelehrter der Magie. Er kann sehr viele Sprüche besitzen, jedoch weniger Sprüche pro Tag einsetzen als der Hexenmeister. Er ist in der Lage, sich auf eine bestimmte Zauberschule zu spezialisieren und sie somit zu perfektionieren.
Mönch
Der Mönch ist ein sehr eigentümlicher Kämpfer. Zumeist kämpft er waffenlos oder mit exotischen Waffen. Er besitzt eine Menge von Fähigkeiten, die ihm im Kampf Vorteile verschaffen.
Paladin
Der Paladin ist ein Glaubenskrieger, der für seinen Gott und seine Ideale kämpft. Im fortgeschrittenen Stadium ist er in der Lage, auf verschiedene Zauber seiner Gottheit zurückgreifen zu können, ist dabei aber dem Kleriker weit unterlegen, kämpft dafür aber sehr viel besser.
Schurke
Der Schurke ist ein Vertreter der heimlichen und geschickten Zunft. Er ist ein Meister des Schleichens und des Versteckens, kann Fallen entdecken, sie entschärfen oder selbst anbringen.
Waldläufer
Der Waldläufer ist in der Lage, mit Tieren umzugehen, Spuren zu lesen und sich im Wald zu Recht zu finden. Er ist ein guter Kämpfer und fungiert oft als Kompass der Gruppe.
Fertigkeiten & Talente
Diese aufzulisten wäre ein zu großes Unterfangen. Vor allem hier werden Neulinge des D D-Systems starke Probleme haben, da die Beschreibungen recht kurz gehalten sind und die Spielrelevanz der verschiedenen Möglichkeiten nicht deutlich wird. Hier empfiehlt es sich daher, nach Gefühl zu wählen, ein wenig zu spielen und festzustellen, wie das Spiel funktioniert, um die Anwendungsgebiete ausfindig machen zu können.
Fertigkeiten stehen für ständig anzuwendende Dinge. Beispielsweise wird durch sie bestimmt, wie gut ein Charakter sich verstecken oder wie gut er sich konzentrieren kann. Die entsprechenden Attribute nehmen zudem Einfluss auf die Fertigkeiten. Fertigkeiten wie schwimmen, reiten oder springen wurden aus dem Spiel entfernt.
Die Talente sind speziellere Fähigkeiten des Charakters, die ihm in bestimmten Situationen Vorteile oder Möglichkeiten verschaffen.
Schließlich werden noch die weitere Aspekte wie Glauben und Gesinnung (gut oder böse) und Äußeres (Aussehen, Stimme, …) bestimmt und es kann losgehen.
Kampfsystem & Tutorial
Das Kampfsystem ist wunderbar ausgebaut - es bieten sich nahezu alle Möglichkeiten, die im Rahmen der D D-Regeln möglich sind. Dass das Kampfsystem - anders als in "Baldur's Gate" & Co. - vollständig rundenbasiert ist, gefällt mir sehr gut. Es ist so möglich, seine Möglichkeiten in Ruhe zu überdenken und einzelne Optionen in Ruhe auszuwählen. Zudem kommt so auch die Initiative zum Zuge, die bestimmt, wann ein Charakter agieren darf.
In einem Kreismenü lassen sich im Ernstfall alle Möglichkeiten gezielt auswählen. Zusätzlich lassen sich alle Würfe, auf denen das Spiel basiert (Angriffswürfe, Initiativewürfe, Schadenswürfe, etc.), nachvollziehen. So beginnt der Kampf mit der Initiative und alles weitere lässt sich in der Würfel-History nachlesen. Alle Faktoren, die sich auf diesen Wurf auswirken, werden übersichtlich aufgelistet und mit den zu erreichenden Werten verglichen, deren Zusammensetzung ggf. auch angeschaut werden kann. Dass das Tutorial dieses komplexe Kampfsystem jedoch nicht ausführt, sondern sich nur mit normaler Spiel-Interaktion auseinandersetzt, macht es eigentlich beinahe überflüssig.
Fehlende Steuerungshilfe
Auch viele Weitere erklärende Elemente fehlen beinahe völlig. So habe ich auch nach einiger Zeit die nervigen Spieltipps noch nicht deaktiviert, da hier ab und zu wichtige Dinge angezeigt wurden, deren Erklärung nirgendwo offensichtlich war. Selbst für regelkundige Spieler ist es daher erstmal schwer zu ergründen, wie ein Kleriker normale Zauber in Heilzauber umwandelt, etc.
Vor allem unkundige Spieler werden also auch hier vor einige Rätsel und Probleme gestellt.
Story & Party
Die Story ist nicht von erzählerischer Tiefe geprägt, gleichob sie auf einem AD D-Abenteuer der früheren Tage basiert. Inwieweit die Story originalgetreu umgesetzt wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Es geht, wie immer, um den Kampf zwischen Gut und Böse. Das Böse versammelt sich erneut im Tempel des elementaren Bösen, so dass man, nach einiger Zeit, dorthin gelangt. Im Prinzip geht es aber auch hier mehr um die
Kämpfe, die Erfahrungspunkte und das Ausrüsten der Party.
Dass die 5 Partymitglieder zu Anfang selbst erstellt und/oder ausgewählt werden, verhindert zudem eine Interaktion zwischen den Charakteren, wie man sie beispielsweise aus Baldur's Gate kennt. Auch das Aufgebot an ca. 25 NSCs (Nicht-Spieler-Charaktere), von denen man maximal 3 als Begleitung mitführen kann, macht das Ganze nicht besser. Abgesehen davon, dass die meisten von ihnen einen Anteil an der Beute fordern, den sie sich auch automatisch einstreichen und sich damit ihr Inventar unsinnig zustellen, weisen manche von ihnen zwar eine schöne Hintergrundgeschichte auf, die aber im Laufe des Spiels nicht weiter verfolgt wird. Hinzu kommt weiterhin, dass kaum einer von ihnen vernünftige Attributswerte aufweist. Im Prinzip habe ich bis zuletzt auf NSCs verzichtet.
Grafik & Sound
Die Grafik ist größtenteils in Ordnung, wenn auch nicht sonderlich neu oder großartig. Die Darstellung findet aus einer schrägen Vogelperspektive statt. Für nähere grafische Einblicke empfehle ich die offizielle Website des Spieles. Ich empfinde die Grafik für ein solches Spiel durchaus als ausreichend.
Der Sound ist recht einfach gehalten, verbreitet aber das nötige Flair für ein solches Spiel. Höhlen werden so als gruselig untermalt, etc. Die teilweise Sprachausgabe der Dialogspartner wirkt hierzu unterstützend, obwohl ich den Synchronsprechern jedoch kein besonderes Maß an Enthusiasmus zuspreche. Dennoch klingt auch keine der Figuren sonderlich lustlos. Diese Angaben beziehen sich jedoch nur auf die englische Version des Spieles.
Bugs, Bugs, Bugs
Aber auch viele andere programmiertechnische Schwächen offenbaren sich. So rate ich an dieser Stelle vom Kauf der deutschen Version des Spiels ab, da das Spiel mit einer solchen Flut von Bugs aufwartet, die das Spielen ohne Patches unmöglich machen. Die Patches der englischen Originalversion, die man im Internet recht schnell findet, lassen sich zwar auch bei der deutschen Version aufspielen, der Computer verweigert aber in diesem Fall, die deutsche CD des Spiels anzuerkennen.
Der schlimmste Bug macht sich frühzeitig und unmissverständlich bemerkbar: Die Gegner lassen sich nicht "looten", sprich: ausräumen. Dies hat in einem Rollenspiel natürlich sofort zur Folge, dass eine Menge Möglichkeiten verloren gehen und es ab einem gewissen Punkt nicht weitergeht. Starkes Equipment der Gegner lässt sich nicht zu eigenen Zwecken einsetzen oder verkaufen und spielrelevante Gegenstände zum Weiterkommen fehlen. Mit einigen Fan-Modifikationen und offiziellen Patches gelang es mir schließlich, nach einiger Tüftelei, das Bestmögliche aus dem Spiel herauszuholen. Leider war selbst dieses Resultat ziemlich fehlerbehaftet. Manche Gegner erkennen einen nicht als Gegner, andere entdecken selbst den unsichtbaren, schleichenden Dieb sofort. Durch Türen kann man teilweise einfach durchlaufen, Charaktere behindern sich gegenseitig, Zauber funktionieren plötzlich nicht und so einiges mehr.
Fazit
Der Konsequenz wegen habe ich das Spiel jedoch erfolgreich abgeschlossen und das Böse vernichtend geschlagen. Das Spiel hat mir insgesamt eigentlich ganz gut gefallen, aber die Bugs haben das Spielen teilweise recht unerträglich gemacht. Dass Troika die deutschen Käufer quasi vollständig im Stich lässt und anscheinend vollständig auf Testläufe und Qualitätssicherung verzichtet hat, erzeugt doch einen recht bitteren Nachgeschmack.
Die brillante Umsetzung und Visualisierung der D&D-Regeln hingegen überzeugt auf ganzer Linie, ebenso wie die vielen Nebenquests, die es zu lösen gilt. Die Story bietet vielerlei ambivalente Punkte, durch die sich erneutes Durchspielen durchaus lohnte - alleine schon, um das Spiel auch als böse Gruppe einmal durchzuspielen.
Wäre dieses Spiel vollständig fehlerfrei, könnte ich ruhigen Gewissens eine Kaufempfehlung aussprechen und 4 Sterne vergeben. Da das Spiel in dieser Form jedoch sehr spaßstörend und anstrengend werden kann, kann ich im Prinzip nur vom Kauf abraten. Nicht zuletzt deswegen, weil mangelhafte Qualität natürlich nicht unterstützt werden sollte.
Weiterführende Links (Downloads)
Offizieller Patch 1
Offizieller Patch 2
Offizieller Patch 3