Das TV-Duell: Wahlkampf auf falscher Ebene?
Gedanken aus Sicht eines Schülers
Der Fernseher läuft – mal wieder. Zwischenzeitlich ist man älter geworden; schneller als man es dachte und wollte. Das Abitur naht mittlerweile in großen Schritten und man befindet sich in der Verantwortung, Teile seines Lebens selbst gestalten zu müssen. So stellt man eines Tages erschrocken fest, dass die Werbung, die man Zeit seines bisherigen Lebens geflissentlich ignorierte, sprunghaft an Relevanz gewinnt. Rentenvorsorge, Finanz-Konzepte, Versicherungen und nicht zuletzt Politik können für die Gestaltung der nächsten Lebensabschnitte ausschlaggebend, wenn nicht gar entscheidend sein.
So nutzen Nachrichten-Sender die anstehenden Neuwahlen weise und senden Diskussionsrunden, Dokumentationen und Umfragen. Das Medium Fernsehen gewinnt an informativer Bedeutung, dient derzeit eher nebensächlicher der Unterhaltung und zeigt verschiedene Problempunkte Deutschlands auf.
Das „historische“ TV-Duell ist nun wirklich Teil der Geschichte, der Vergangenheit. Die Wahl rückt näher und die Erstwähler diskutieren über politische Inhalte; mehr oder weniger qualitativ. Es zeigt sich, dass Vieles, zumindest in dieser Schicht, von Klischees, gesellschaftlichen Meinungen und Wirkung abhängt. Doch nach dem TV-Duell bleibt die ernüchternde Erkenntnis: Besser wird es mit dem Alter wohl auch nicht werden.
Mit anscheinend zu vielen Erwartungen habe ich eine Informationsveranstaltung erwartet, jedoch eine Wahlkampfveranstaltung gesehen, aus der ich im Nachhinein doch noch mehr lerne, als ich vorerst dachte. Leider ist diese Erkenntnis weniger politischer, als vielmehr gesellschaftlicher Natur.
Denn schnell stellt der Zuschauer fest: Die Debatte betrachtet das Vergangene aus verschiedenen Blickwinkeln. Die Zukunft jedoch, der Lebensabschnitt der in jeder Situation beinahe unausweichlich ist und die mir in recht umfangreichem Maße bevorsteht, findet nur wenig Beachtung. Vor allem bei Schröder.
90 Minuten lang gibt er sich, wie die SPD-Wahlplakate in Berlin: Sieben Jahre lang habe er eine gute Politik gemacht und die Konzepte der Union seien entweder nicht realisierbar oder ungerecht. Ungerecht – ein Wort, welches vor allem von linker Seite in diesem Wahlkampf zum schlimmsten Schlagwort der Beurteilung gegnerischer Politik mutiert. Dass man sich davon distanziert, bezeugen auch hier die Wahlplakate: „Gegen soziale Ungerechtigkeit“.
Durch logische Schlüsse versucht Schröder, seinen politischen Gegner zu schwächen: Die Politik der Union ist ungerecht, wer ungerechte Politik macht, darf nicht regieren. Ergo: Die Union darf nicht regieren. So zumindest die Argumentation, ohne eine Beweisführung für die die erste Ausgangsthese anzutreten.
Schon jetzt nimmt er die Position der Opposition ein, obgleich er immer noch die Überzeugung nach außen trägt, sich des Wahlsieges trotz schwacher Umfragen sicher zu sein - ein politisches Paradoxon.
Doch auch Merkel gelingt es nicht, zu überzeugen: Sie prangert die Missstände der derzeitigen Bundesregierung an und stellt sogar ein paar ihrer Konzepte vor. Der richtige Ansatz, doch gelingt es ihr weder Schröders Mangel an Plänen für die Zukunft zu entlarven noch die eigenen Visionen in die deutschen Wohnzimmer zu tragen. Teils ein wenig unsicher vor der Kamera, liefert sie eine gute Figur ab – für ihre Verhältnisse.
Schröder, der „Medienkanzler“, überzeugt dennoch auf ganzer Linie: Mit Hohn, Arroganz und Warnungen mangelt es ihm zwar massiv an Konzepten für eine neue Legislaturperiode, doch wird er durch sein Auftreten als „geeigneter“, „kompetenter“ und allgemein „besser" angesehen; wenn man den Umfragen Glauben schenkt.
Spätestens hier zeigt sich: Die Wahlen entscheiden sich, zumindest zu einem großen Teil, nicht durch politische Kompetenzen, Konzepte und Zukunftsorientierung als vielmehr durch die eigene und nicht zuletzt die gegnerische Reputation. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, ergibt auch das TV-Duell auf einmal Sinn: Das eigene Beweihräuchern und das souveräne Kaputtreden des Gegners ist zwar informativ enttäuschend, aber taktisch unumgänglich …